Wer von Ihnen, meine Herren (Damen seien diesmal ausnahmsweise und –drücklich ausgenommen), hat sich schon einmal schminken lassen? Keine Wortmeldungen? Doch, der Herr in der dritten Reihe links. Und zu welchem Anlass? Ah ja – für einem Auftritt vor laufender Kamera. Aber ein wenig merkwürdig sei das schon gewesen, oder zumindest ungewohnt.
So geht es vermutlich den meisten Männern. Puderquasten stehen sie distanziert oder leicht peinlich berührt gegenüber. Zumindest gilt Schminke üblicherweise nicht als bevorzugtes Mittel zur Stärkung des Selbstbewusstseins eines Mannes. Neulich durfte ich einer professionellen Videoproduktion beiwohnen – und mich eines besseren belehren lassen.
Es galt, Unternehmensvertreter mit wenig oder ohne Kameraerfahrung im Rahmen des SAS Forum Deutschland, einer bedeutenden Konferenz der IT-Branche, zu einem möglichst authentischen und überzeugenden Statement zu bewegen. Im Studio, gegenüber einer Moderatorin oder einem Moderator, unter Scheinwerferlicht. Ein perfektes Rezept also für Nervosität, Unsicherheiten, Versprecher – und Schweißtropfen. Um letzere hatte sich eine Visagistin zu kümmern. Der Schminksessel, so befürchtete ich, würde den Männern noch den letzten Funken Elan rauben und durch eine gewisse Betretenheit ersetzen.
Aber weit gefehlt. Die Visagistin agierte nicht nur professionell wie das ganze Team – sie wurde schnell zu einer der Hauptverantwortlichen für das Gelingen des Projekts. Sie hatte das besondere Talent, sämtliche Interviewkandidaten (Frauen sowieso, die sind das ja mehr oder weniger gewohnt, aber vor allem auch Männer) in eine Wohlfühlatmosphäre zu packen, das Ungewohnte der Situation in der „Maske“ zu etwa Besonderem zu machen und eben nicht zu etwas Einschüchterndem. Egal ob publikumserfahrener Professor oder zurückhaltender IT-Techniker: Das bisschen Puder war Balsam für die Seele und ließ die Probanden mit Überzeugungskraft, aber ohne Hochmut ins Scheinwerferlicht und sich angemessen gewandt artikulieren.
Die Lehre daraus ist eine Binsenweisheit, die aber auch Kommunikationsberater nur zu gerne vernachlässigen: Erstens: Nur wer sich wohlfühlt, kann sich gut und sicher ausdrücken. Zweitens: Die menschliche Komponente entscheidet. Und drittens: Den wichtigsten Beitrag dazu kann auch die Visagistin samt Puderquaste leisten.
P.S.: Die Ergebnisse von Schminke und Interviews sind unter http://mediathek.sasforum.de zu sehen.



Die Visagistin war sicher auch eine einfühlsame Psychologin und das war das Entscheidene.